Das Geld lieber hier lassen
Europa hat sich daran gewöhnt, Sicherheit bei den USA einzukaufen. Doch der Iran-Krieg, Trumps Drohpolitik und die Debatte über umgeleitete Waffen zeigen, wie brüchig dieses Modell geworden ist. Der Sicherheitsexperte Josef Braml warnt vor Illusionen – und fordert, Europas Geld und Macht künftig stärker in Europa selbst zu investieren.
Die transatlantische Bequemlichkeit hat lange funktioniert. Europa verließ sich auf die amerikanische Schutzgarantie, Washington auf Europas politische Gefolgschaft. Das Arrangement war nie ganz symmetrisch, aber es schien verlässlich. Genau diese Verlässlichkeit steht nun zur Disposition.
Der Krieg zwischen Israel, den USA und dem Iran fällt in eine Zeit, in der sich die globalen Machtverhältnisse ohnehin verschieben. Russland führt seinen Krieg gegen die Ukraine fort, China baut seinen Einfluss aus, und in Washington sitzt mit Donald Trump ein Präsident, der Bündnisse offenkundig nicht als Partnerschaften begreift, sondern als Machtverhältnisse. Für Europa ist das keine bloße Stilfrage. Es ist eine strategische Zäsur.
Der US- und Sicherheitsexperte Josef Braml, Europa-Chef der Trilateralen Kommission, beschreibt diese neue Lage mit bemerkenswerter Schärfe. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk entwirft er das Bild einer Welt, in der die alte Pax Americana nicht mehr trägt wie früher. Seine Botschaft ist unbequem, aber schwer zu ignorieren: Europa sollte endlich aufhören, sich über die Zuverlässigkeit der USA Illusionen zu machen.
Loyalität statt Partnerschaft
Braml beschreibt Trumps Verhältnis zu Verbündeten als ein Loyalitätsverhältnis. In dieser Logik zählt nicht Augenhöhe, sondern Gefolgschaft. Der Verbündete ist nicht Partner, sondern nützlich, solange er sich fügt. Wer höflich bleibt, wird nicht respektiert, sondern getestet. Wer nachgibt, wird nicht geschont, sondern weiter gedrängt.
Viele Regierungen hoffen noch immer, Trump mit Zurückhaltung, Vorsicht und symbolischer Demut einigermaßen einhegen zu können. Bramls Diagnose ist härter: Diese Strategie verkennt das Muster. Wer auf Dominanz setzt, reagiert auf Unterwürfigkeit nicht mit Großmut – er wertet sie als Einladung.
Europas gefährliche Selbstverkleinerung
Braml plädiert deshalb für einen schwierigen Mittelweg. Europa dürfe die Lage nicht mutwillig eskalieren. Es dürfe sich aber ebenso wenig erniedrigen. Bilder von Gipfeltreffen, Gesten der Unterordnung, der demonstrative Wille, es Trump recht zu machen: All das mag kurzfristig taktisch erscheinen, kann aber strategisch verheerend wirken. Es festigt den Eindruck, Europa sei zwar wirtschaftlich stark, politisch aber nicht bereit, diese Stärke auch in Macht zu übersetzen.
Europa könnte in künftigen Verhandlungen nicht mit am Tisch sitzen, sondern selbst auf dem Tisch liegen.
Josef Braml, Europa-Chef der Trilateralen Kommission
Die Drohung mit der Ukraine
Besonders sichtbar wird die neue Logik an Trumps Warnung, den russischen Krieg gegen die Ukraine nicht länger als amerikanische Angelegenheit zu behandeln, falls Europa den Krieg gegen den Iran nicht ebenfalls als seinen begreife. Braml hält das für einen Bluff – nicht weil er ungefährlich wäre, sondern weil seine materielle Grundlage schwächer ist, als die Drohung vermuten lässt. Ein erheblicher Teil dessen, was als amerikanische Unterstützung erscheint, sei faktisch durch europäische Finanzierung ermöglicht worden. Washington liefert, Europa zahlt.
Die Supermacht im Mangel
Noch schärfer wird Bramls Analyse mit Blick auf Berichte, wonach im US-Pentagon darüber nachgedacht werde, bereits zugesagte Waffen aus europäischen Bestellungen für den Krieg gegen den Iran umzulenken. Sollte das geschehen, wäre die Botschaft eindeutig: kein Beweis amerikanischer Stärke, sondern ein Hinweis auf Engpässe. Eine Macht, die gebundene Lieferungen neu priorisieren muss, demonstriert nicht Fülle, sondern Knappheit. Hinzu kommt: Viele dieser Waffen wurden von europäischen Staaten bezahlt. Für die Ukraine wäre eine Umleitung mehr als ein strategischer Schaden – sie hätte existenzielle Folgen.
Das riskante Spiel mit Russland und China
Zu Bramls Analyse gehört auch Trumps Versuch, Russland aus der Nähe zu China zu lösen. Braml hält das für realitätsfern. Russland ist wirtschaftlich auf China angewiesen, China profitiert von russischer Energie und geopolitischer Rückendeckung. In einer Welt zunehmender Spannungen wachsen diese Abhängigkeiten eher, als dass sie schwächer würden. Wer an der Illusion festhält, man könne Moskau einfach aus Pekings Umarmung lösen, riskiert, Europas Sicherheit in ein Spiel zu werfen, dessen Voraussetzungen längst nicht mehr stimmen.
Geld ist auch Macht
Am pointiertesten wird Braml dort, wo es um ökonomische Abhängigkeiten geht. Europa solle nicht länger für einen Schutz zahlen, den es faktisch immer weniger bekomme. Es solle sein Geld lieber hier lassen. Dahinter steht die Überlegung, dass die Vereinigten Staaten selbst in erheblichem Maß auf ausländisches Kapital angewiesen sind – auch auf europäisches. Europa könne eigene Mittel stärker in die eigene industrielle, technologische und militärische Handlungsfähigkeit investieren. Das wäre keine Abkehr vom Westen, sondern nüchterne Interessenpolitik.
Bramls Analyse ist nicht antiamerikanisch. Sie ist antiillusionär. Europa verliert die bequemste Ausrede seiner Nachkriegsgeschichte. Es kann sich nicht länger darauf berufen, strategische Eigenständigkeit sei wünschenswert, aber leider noch nicht machbar. Sie ist nicht mehr Luxus. Sie wird zur Voraussetzung politischer Handlungsfähigkeit. Die amerikanische Schutzgarantie, auf die Europa sich jahrzehntelang berufen konnte, ist selbst brüchig geworden. Wer sich weiterhin so verhält, als sei sie unverändert belastbar, verwechselt Gewohnheit mit Strategie.
Dieser Beitrag stützt sich in zentralen Punkten auf ein Deutschlandfunk-Interview mit Josef Braml vom 28. März 2026 sowie auf aktuelle Berichte zur Iran-Politik Donald Trumps, zur Ukraine und zu möglichen Umleitungen von Waffenlieferungen.